Chilies
Keine Besucher von Bhutan fährt wieder weg, ohne einen Eindruck von der
Nationalspeise Bhutans zu haben: Chilli und Käse (Ema datsi). Manche
mögen es, manche hassen es, wieder andere sind verblüfft, dass die Bhutanesen so
scharf essen können, und wieder andere sind total begeistert. Jeder bildet sich
so seine eigene Meinung zu diesem Gericht, das aus dem unentbehrlichsten Gemüse
und Gewürz der Bhutanesen, dem Chili gemacht wird. Chili und Käse kling zwar
ziemlich unschuldig, aber es ist sehr, sehr scharf.
Nicht viele Bhutanesen können sich vorstellen, dass es eine Zeit gab, wo es
keinen Chili in ihrer Küche gab. Und noch weniger können sich vorstellen dass
Chili keine einheimische Pflanze ist. Sondern ihre Ursprünge im weit entfernten
Südamerika. Seine Einführung in Asien liegt gerade 400…500 Jahre zurück. Bis er
dann im Himalaya angekommen war, verging noch eine ganze Weile.
Die Spanier und die Portugiesen führten die Pflanzen in die Alte Welt ein.
Während die Europäer zuerst wenig begeistert von der scharfen Pflanze waren, war
es für die Einwohner Asiens, Afrikas und der arabischen Welt eine „Offenbarung“.
Bereits im 16. Jahrhundert wurde Chili in Indien angebaut und tauchte unter der
Bezeichnung „Calcutta Chili“ in den Handelskatalogen der großen
Handelsgesellschaften auf. Heute ist Indien der größte Chili-Produzent.
Von Kalkutta aus muss der Chili auch seinen Siegeszug in Richtung Norden
angetreten haben. Wann und auf welchen Wegen der Chili genau seinen Weg nach
Bhutan gefunden hat liegt im Dunkeln. Als es einmal die bhutanesischen Küchen
erreicht hatte, krempelte es die Esskultur völlig um. Heutzutage wird kein
Gericht – außer Babynahrung und medizinische Nahrung – ohne Chili gekocht. Jeder
bhutanesische Köche würde sagen, dass er ohne Chili überhaupt nicht kochen kann
und die meisten Bhutanesen würden ohne Chili keine Mahlzeit herunter bekommen.
Traditionell sind die Eltern stolz auf ihre Babies wenn sie von der normalen
Babynahrung nach und nach auf scharfe Speisen umsteigen. Eltern sagen zu ihren
Kindern: „Wenn du in der Lage bist, Chili zu essen wirst du schneller wachsen“.
Die Kinder sind daher stolz darauf, erwachsen zu werden und wie der Eltern und
Großeltern richtig Chili zu essen.
Die bhutanesischen Köche empfehlen, den Chili mit Salz und etwas Fett entweder
in ganz kalten oder kochenden Wasser aufzusetzen und dann bei hoher, konstanter
Hitze zu kochen. Um die Schärfe zu mildern empfiehlt man zusätzlich noch etwas
Butter oder Öl zuzufügen. Da das Capsacain fettlöslich ist, macht dies durchaus
Sinn. Die Chilis sollten nicht in lauwarmen Wasser aufgesetzt werden. Genauso
wichtig ist es, die grünen Chili nicht mit Deckel zu kochen, da sonst ihre
schöne grüne Farbe verloren geht. Nur wenn man getrocknete Chilischoten kocht
sollte man den Topf zudecken, damit die Chilis schneller gar werden.
Ähnlich wie Dal Bhat
(Linsen mit Reis) die Grundspeise für die Nepalesen ist, ist Chili und Reis die
Grundnahrung für die Bhutanesen. Für viele ausländische Besucher ist es
langweilig immer wieder nur Chili und Reis zu essen. Meist liegt es daran, dass
sie die Vielzahl der verschiedenen Zubereitungsmöglichkeiten in der kurzen Zeit
nicht kennenlernen können. Auch beim Ema datsi gibt es unendlich viele
Variationsmöglichkeiten durch die verschiedenen Käse- und Chilisorten oder auch
andere Zutaten wie Knoblauch, zoidey (Käse), Kräuter usw. Die drei
klassischen Ema datsi Rezepte sind Frischer grüner Chili mit Käse,
Getrockneter roter Chili mit Käse und Getrockneter weißer Chili mit Käse (siehe
Rezepte).
In jedem bhutanesischen Haushalt steht neben dem Salt auch ein Gefäß mit
Chilipulver. Früher wurde das Pulver für jedes Mahlzeit aus getrockneten
Chilischoten frisch im Mörser gemahlen. Wenn das Loch im Mörser im tiefer und
breiter wurde und der Mörser erneuert werden muss, ist es üblich die gleiche
Trauerzeremonie zu halten, wie die gewa-Zeremonie, die am 21. Tag nach
dem Tod eines Menschen durchführt wird.
Bhutanesische Köche verwenden Salz und Chili (tsa da ema) gemeinsam als
wichtigste Zutaten zu jedem Gericht. Unabhängig von den anderen Zutaten wird
meistens gefragt „Tsa da ema bjonoga ?“ (Ist genügend Salz und Chili drin?).
Chili ist ein sehr bequemes Gemüse: es kann überall und zu jeder Zeit gegessen
werden, gekocht, roh, geröstet, gehackt, gewürfelt, gemahlen oder auch im
Ganzen. In den Sommermonaten nehmen die Bauern für die Feldarbeit etwas Reis
oder auch Brot und ein bisschen Salz und einige grüne Chilis mit. Der Chili wird
angebissen, dann in Salz gedippt und mit dem Brot oder dem Reis gegessen. Ein
einfaches Gericht ohne viel Drumherum.
Bhutanesische Chilisorten
Der Ausdruck Chili ist eigentlich sehr ungenau, da er für eine ganze Reihe von
Arten der Capsicum Gattung benutzt wird. Die zwei wichtigsten sind Capsicum
annuum und Caspicum frutescens.
In Bhutan wächst vor allem Capsicum annuum. Über die Jahrhunderte wurden
verschiedene Formen gezüchtet. Sie wachsen in unterschiedlichen Höhen, sehen
unterschiedlich aus und haben natürlich unterschiedliche Schärfegrade.
Die drei wichtigsten Typen in West-Bhutan sind:
- Sha Ema: eine längliche Frucht mit stumpfer Spitze und breitem Körper.
Länge 6…10 cm. Mittlere Schärfe
- Begup ema: Lange Frucht mit spitzem Ende. Schmalerer Körper. Die Länge
ist mehr als 10 cm. Schärfer als Sha ema
- Dogab ema: Lange Frucht mit scharfer Spitze. Länge ebenfalls mehr als
10 cm. Sehr scharf.
Es gibt keine festgelegte Einteilung bzw. Bestimmung der einzelnen Sorten. Sie
werden im allgemeinen nach dem Anbaugebiet unterschieden.
Als ngalong Chilis werden alle Chilis in West-Bhutan (westlich des Pele
La-Passes) bezeichnet. Die besten Chilis aus diesem Gebiet wachsen in Sha Ridang.
Sie sind lang und dick und eignen sich hervorragend für pa Rezepte (Lange
Fleisch-Stücke werden mit Rettich- oder Senfblättern und ganzen Chilis gekocht).
Die Chilis ergeben einen schönen Kontrast zu den Fleischstreifen und schmecken
gut, wenn sie die Fleischsoße aufgesogen haben.
Die Wang Chili aus dem Gebiet von Wangdiphodrang sehen aus wie Sha Chili,
aber sind nicht so scharf. Daher werden sie gern roh als Beilage gegessen oder
für Salate genutzt.
Die Begup Chili aus Punakha sind bekannt als sehr fleischige Sorten und
wird von den meisten als der schmackhafteste Chili des gesamten Landes gesehen.
Auch wenn sie getrocknet kann man sie noch leicht aufgrund ihrer runzligen,
faltigen Form erkennen. Werden sie frisch gekocht, setzen sie einen typischen
Geruch frei, den Experten erkennen können.
Dolla Chili ist im Süden des Landes allgegenwärtig. Es sind rundliche
Chilis, die vor allem für Pickles benutzt werden.
Die musa Chili oder Maus-Chili, die in Europa als Vogelaugenchili bekannt
sind und werden vor allem in Süd-Bhutan benutzt. Das sind sehr kleine aber dafür
um so schärfere Chilis.
Chilis werden für die Aufbewahrung am meisten sonnen-getrocknet. Im Herbst sind
fast alle Dächer mit roten Chilischoten zum trocknen belegt oder es hängen dicke
Girlanden mit dreifarbigen Chili am Haus: rot, grün, weiß.
Reife Chilis werden rot und bleiben auch rot, wenn sie getrocknet werden. Grüne
Chillis werden halbiert und dann sonnen-getrocknet. Sie behalten dabei ihre
grüne Farbe. Die größten grünen Chilischoten werden ausgewählt und für einige
Minuten in kochendem Wasser blanchiert. Danach werden sie in der Sonnen
getrocknet und bekommen eine gelbliche Farbe. Sie heißen dann shur kam
(Gekochte und getrocknete bzw. weiße Chili).
Reis
Eine
andere wichtige Eigenheit dieser exotischen Küche ist der enorme Verbrauch an
Reis. 5 kg pro Kopf pro Woche ist der normale Verbrauch. Und da es nahezu das
einzig kultivierte Getreide ist, findet der Reis seinen Eingang in die Küche
vom Frühstück bis zum Abendbrot. Entweder ist es ein Curry mit Reis oder Reis
mit einem Curry.
In Bhutan
werden zwei Sorten Reis benutzt. Die städtischen Gebiete einschließlich Thimpu,
Paro und Phuntsholing nutzen den weißen Reis, während die ländlichen Gebiete
den roten Reis benutzen. Der Reis wird in einer speziellen Bambuschale
serviert, die in der Keng Provinz gefertigt wird und bangchung heißt. Das ist
auch ein nettes Souvenir für zu Hause und kann auch als Dekoration benutzt
werden.
Zu den Köstlichkeiten, die auf Reis basieren gehört Desi, eine leckere
Mischung aus weißem Reis, Butter, Zucker, Rosinen und Safran sowie Zow,
gebratener Reis mit Zucker, Butter und manchmal Sesamsamen. Beide Gerichte sind
die Favoriten des bhutanesischen Königs, Seiner Königlichen Hoheit Jigme Mangchuk,
und werden bei besonderen Gelegenheiten serviert. Reis wird mit der rechten
Hand gegessen, indem er zu kleinen Bällen geformt und in die Sauce getunkt oder
aber mit Fleischstückchen oder Gemüse vermengt wird. Der durchdringende Geschmack
der scharfen Pfefferschoten bringt oft die Nase zum Laufen und die Augen zum
Tränen, was aber nur als Beweis für ein ordentlich gewürztes Gericht gilt.
Reis ist allerdings erst seit kürzerer Zeit auf dem Weg zum
Hauptnahrungsmittel. Bis vor kurzem waren Buchweizenfladen (Kille) und Weizennudeln
(Buta, Puta) für die Bewohner von Bumthang in Zentralbhutan noch
Hauptbestandteil ihrer Nahrung, und im Osten des Landes war es Mais. In den
meisten Familien Süd-Bhutans wird der Mais in jungen Bambus – Bäumen getrocknet.
Die getrockneten Maiskörner werden dann grob zu einer Art Maisgrieß (Kharang)
gemahlen. Er wird dann übriggebliebenen Curries zugegebn oder man macht eine
Art Porridge (Thukpa, Thuep – mit Fleisch und Käse) zum Frühstück
daraus.
Gemüse
Die Bhutanesen
haben eine glückliche Hand bei der Verwendung von Wildgemüsen aus den Wäldern:
Farnkraut, Bambus, Pilze, Taro, Yams, Süßkartoffeln, Wildbohnen,
Bananenblütenknospen und sogar Orchideen und getrockneter Flußtang werden
gegessen. Soja gibt es nur in bestimmten Gegenden Ostbhutans.
Fleisch
Fleisch,
speziell Yak-Fleisch, ist ein Hauptnahrungsmittel für die Nicht-Vegetarier. Ähnlich
wie bei den Bananen-Pflanzen in Indien werden in Bhutan alle Teile der Yaks
verwertet. Außer dem Fleisch, wird z.B. die Milch getrocknet und daraus Käse
hergestellt und auch die Haut wird getrocknet und als Snack zu verschiedenen
Getränken gereicht.
Die Yak-Züchter
kommen im Herbst aus dem Hochgebirge herunter und verkaufen das Fleisch, Butter
und den Käse im Austausch für den Reis des nächsten Jahres. Jedes Yak gibt im Durchschnitt
250 bis 260 kg. Aus der Milch eines Yaks von drei bis vier Tagen kann 1 kg
Butter oder Käse gewonnen werden. Die einheimischen Bauern hängen außer im
Sommer Streifen von Yak-Fleisch oder anderem Fleisch oft in die Gärten, um sie
in der Sonne zu trocknen und es haltbar zu machen. Ausserdem sind die
getrockneten Fleischstücke schmackhafter, sagen die Einheimischen.
Obwohl
die Bhutanesen den Genuß von Fleisch schätzen, ist das Schlachten von Tieren
aus religiösen Gründen eingeschränkt. In Bumthang, ein Distrikt in Ost-Bhutan
ist z.B. das Schlachten von Tieren nicht erlaubt. Aber man kann das Fleisch
essen, wenn das Tier durch einen Unglücksfall, z.B. beim Fall von einer
Bergklippe, zu Tode gekommen ist.
Yak- und Schweinefleisch werden von den Nordbhutanesen
bevorzugt, danach kommen Rindfleisch und Hühnchen; Hammel- und Lammfleisch
werden dagegen außer im Süden des Landes nicht gegessen. Schweinespeck gilt als
Delikatesse.
Die
normale Zubereitung Fleisch ist Pa, eine Art Curry. Diese Art von
Gerichten wird in Bhutan Tshoem genannt. Größere Fleisch-Stücke werden
mit einer Menge von Gemüsen und Chilies gemischt und dann sehr lange gekocht
bis das Curry fertig ist, wobei der Begriff Stew eigentlich richtiger ist.
Kurkuma oder andere Gewürze werden nicht benutzt, so dass das Gericht seine
normale Farbe behält. Oft wird es mit gebratenen Eierspeisen serviert. Zhasonpa
wird genauso zubereitet, außer
dass dafür Ziegenfleisch genommen wird.
Die Bhutanesen
lieben auch Momos. Obwohl es eine tibetanische Spezialität ist, hat es
mittlerweile einen festen Bestandteil in der bhutanesischen Küche. Die Momos
werden meist mit Käse gefüllt, aber auch mit Hähnchen oder Schweinefleisch.
Käse
Kommen
wir zurück zum Ema Datshi. Hier ist das
Rezept in Kürze. Für die Herstellung
des Käses braucht man die restliche Milch, die nach dem Buttern übrig bleibt.
Man fügt etwas kochendes Wasser hinzu und lässt es köcheln, bis es zu einer
gelblichen Paste wird. Sie wird mit Butter und Zucker gebraten, um den Käse –
also den Datshi – zu erhalten. Zum Schluß werden die grünen Chilischoten und
Salz zugegeben und nochmals durchgekocht.
Manchmal
wird der Käse auch für einige Tage zum Trocknen ausgelegt, damit er hart wird.
Dann wird er in Stücke geschnitten und drei bis vier Monate in der Sonne
getrocknet. Zum Schluß ist der Käse (Churpi ) steinhart. Die kleinen
Käsestücke werden dann von den Bhutanesen gelutscht (denn kauen kann man den
Käse nicht mehr). Und wenn man Bhutanesen kauen sieht, dann kauen sie diesen
Käse, jedenfalls wenn es nicht gerade Betelnüsse sind. Die Bhutanesen sagen,
dieser Käse hält den Körper warm.
Die dritte Käsesorte, nach der am meisten verlangt wird
und die schwer zu bekommen ist, stammt aus Ostbhutan und heißt Seudeu.
Dieser Käse sieht wie eine graugrüne, undefinierbare Masse aus und wird in
Lederbeuteln verkauft. Sein penetranter Geruch und sein unappetitliches
Aussehen werden Ausländer vermutlich abschrecken, es sei denn, man ist ein
ausgesprochener Käseliebhaber. Er wird niemals roh gegessen, sondern in kleinen
Mengen in eine Brühe gebrockt, um daraus eine Suppe zu bereiten.